Die MPU ist keine „Falle“ und kein Intelligenztest. Sie soll klären, ob eine Person wieder sicher am Straßenverkehr teilnehmen kann. Rechtlich geht es um die Fahreignung. Die Fahrerlaubnisbehörde kann ein medizinisch-psychologisches Gutachten insbesondere bei Eignungszweifeln, Alkoholauffälligkeiten oder Drogen- und Medikamentenfragen verlangen; zentrale Vorschriften sind §§ 11, 13 und 14 FeV.
1. Wann wird eine MPU angeordnet?
Eine MPU kommt typischerweise in Betracht bei:
- Alkohol im Straßenverkehr, insbesondere bei hohen Promillewerten oder wiederholten Alkoholdelikten,
- Drogen- oder Medikamentenauffälligkeiten,
- Cannabisfällen mit Zweifeln an Trennungsvermögen oder Fahrsicherheit,
- acht Punkten im Fahreignungsregister,
- erheblichen oder wiederholten Verkehrsverstößen,
- Straftaten mit Bezug zur Fahreignung,
- körperlichen, geistigen oder psychischen Eignungszweifeln.
Wichtig: Die MPU wird nicht von der Begutachtungsstelle „angeordnet“, sondern von der Fahrerlaubnisbehörde. Die Behörde formuliert auch die konkrete Fragestellung, die im Gutachten beantwortet werden soll. Nach dem ADAC wählen Betroffene die Begutachtungsstelle selbst; es muss aber eine amtlich anerkannte Begutachtungsstelle für Fahreignung sein.
2. Wie läuft die MPU ab?
Die MPU dauert in der Regel etwa drei bis vier Stunden und besteht aus drei Hauptteilen: medizinischer Check, computergestützter Leistungstest und psychologisches Gespräch. Die Reihenfolge ist nicht zwingend festgelegt.
Medizinischer Teil
Im medizinischen Teil werden Gesundheitsfragen geklärt. Je nach Anlass können körperliche Untersuchung, Anamnese, Laborwerte, Abstinenznachweise, Haaranalysen, Urinscreenings oder ärztliche Befunde relevant sein. Bei Alkohol- oder Drogenfragestellungen geht es nicht nur um aktuelle Werte, sondern auch darum, ob die frühere Problematik medizinisch nachvollziehbar aufgearbeitet wurde.
Leistungstest am Computer
Der Leistungstest prüft verkehrsrelevante Grundfunktionen. Dazu gehören vor allem Reaktion, Aufmerksamkeit, Konzentration, Belastbarkeit und Orientierung. Anlage 5 FeV nennt als relevante Leistungsbereiche ausdrücklich Belastbarkeit, Orientierungsleistung, Konzentrationsleistung, Aufmerksamkeitsleistung und Reaktionsfähigkeit.
Psychologisches Gespräch
Das psychologische Gespräch ist häufig der wichtigste Teil der MPU. Dort wird geprüft, ob die frühere Auffälligkeit verstanden wurde und ob eine stabile Veränderung stattgefunden hat. Entscheidend ist nicht, auswendig gelernte Antworten zu geben, sondern eine glaubhafte, konkrete und zur Akte passende Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten.
3. Welche Tests kommen bei der MPU vor?
Der Leistungstest ist kein IQ-Test. Er soll feststellen, ob die Mindestanforderungen für eine sichere Verkehrsteilnahme erfüllt sind. Typische Testbereiche sind:
Reaktion: Wie schnell und richtig wird auf optische oder akustische Signale reagiert?
Aufmerksamkeit: Werden relevante Reize erkannt, obwohl gleichzeitig störende Reize auftreten?
Konzentration: Können Aufgaben über eine gewisse Zeit fehlerarm bearbeitet werden?
Belastbarkeit: Bleibt die Reaktion auch bei Zeitdruck oder mehreren Reizen ausreichend sicher?
Visuelle Orientierung: Können Linien, Muster, Verkehrssituationen oder räumliche Zusammenhänge richtig erfasst werden?
Beschrieben werden etwa bei drogenspezifischer Begutachtung Reaktionstest, Aufmerksamkeits- und Konzentrationstest sowie Linienverfolgungstest als typische Leistungstests. Dabei müssen Betroffene nicht „100 Prozent“ erreichen.
4. Welche Testsysteme werden verwendet?
In der Praxis begegnen Betroffenen vor allem zwei Namen: Wiener Testsystem und Corporal Plus. Wichtig ist aber: Entscheidend ist nicht der Name des Herstellers, sondern ob die verwendeten Verfahren fachlich geeignet, standardisiert und für die jeweilige Fragestellung tauglich sind.
Wiener Testsystem
Das Wiener Testsystem, häufig abgekürzt als WTS, ist ein computergestütztes psychologisches Testsystem. Im Bereich Verkehrspsychologie werden häufig Verfahren mit Abkürzungen wie RT, DT, COG, LVT oder ATAVT erwähnt; Schuhfried selbst verweist im verkehrspsychologischen Kontext auf Kürzel wie DT, RT, ATAVT und COG.
Typische Tests sind:
RT – Reaktionstest: Prüfung der Reaktionsgeschwindigkeit und Reaktionssicherheit.
DT – Determinationstest: Prüfung der reaktiven Belastbarkeit bei mehreren schnell aufeinanderfolgenden Reizen.
COG – Cognitrone: Prüfung von Aufmerksamkeit und Konzentration, häufig über Vergleichs- und Entscheidungsaufgaben.
LVT – Linienverfolgungstest: Prüfung der visuellen Orientierung.
ATAVT – Adaptiver Tachistoskopischer Verkehrsauffassungstest: Prüfung der schnellen Überblicksgewinnung in verkehrsnahen Situationen. Schuhfried beschreibt den ATAVT als häufig eingesetzten Test im Wiener Testsystem; die Fähigkeit, in komplexen Situationen schnell relevante Informationen zu erkennen, sei im Straßenverkehr entscheidend.
Corporal Plus
Corporal Plus ist ebenfalls ein computergestütztes psychometrisches Testsystem. Der Hersteller Vistec beschreibt es als System zur Erfassung verschiedener kognitiver Parameter mit überwiegend visuellem Reizmaterial; Hauptanwendungsbereich ist die Überprüfung von Fähigkeiten nach der Fahrerlaubnis-Verordnung.
Bei Corporal Plus werden unter anderem geprüft:
- intrinsische Alertness,
- selektive Aufmerksamkeit,
- konzentrierte Aufmerksamkeit,
- verteilte Aufmerksamkeit,
- geteilte Aufmerksamkeit,
- visuelles Scanning,
- Daueraufmerksamkeit.
Nach Herstellerangaben sind bestimmte Corporal-Plus-Testverfahren seit Softwareversion 2.0.001 nach § 71a FeV zertifiziert; die Standard-Testbatterie für Untersuchungen nach Anlage 5 Nr. 2 FeV dauert etwa 45 Minuten.
5. Kann man den MPU-Leistungstest üben?
Ja, eine Vorbereitung kann sinnvoll sein. Das bedeutet aber nicht, dass man den Test „auswendig lernen“ sollte. Seriöse Vorbereitung dient dazu, den Ablauf kennenzulernen, Nervosität abzubauen und mögliche Schwächen frühzeitig zu erkennen.
Besonders sinnvoll ist eine Vorbereitung, wenn Betroffene:
- sehr nervös sind,
- wenig Erfahrung mit Computertests haben,
- gesundheitliche Einschränkungen haben,
- Medikamente einnehmen,
- Seh- oder Konzentrationsprobleme vermuten,
- bereits einmal einen Leistungstest nicht bestanden haben.
Wer gezielt üben möchte, sollte bei einer verkehrspsychologischen Praxis oder einer qualifizierten MPU-Vorbereitungsstelle nachfragen, ob dort mit dem originalen Wiener Testsystem, mit Corporal Plus oder mit einer fachlich vergleichbaren Testsimulation gearbeitet wird.
6. Was passiert, wenn der Leistungstest schlecht ausfällt?
Ein schlechtes Testergebnis bedeutet nicht automatisch, dass die gesamte MPU endgültig negativ ist. Nach ADAC-Darstellung kann nach einem nicht bestandenen Reaktionstest zunächst ein Paralleltest erfolgen. Fällt auch dieser negativ aus, kann eine Fahrverhaltensbeobachtung in Betracht kommen, bei der geprüft wird, ob sich die testpsychologischen Auffälligkeiten tatsächlich im realen Fahrverhalten auswirken.
Gerade bei Tagesformproblemen, Prüfungsangst, Sprachproblemen, PC-Ungeübtheit, Sehproblemen oder Medikamenteneinnahme sollte das Testergebnis sorgfältig eingeordnet werden.
7. Das psychologische Gespräch: Der eigentliche Schwerpunkt der MPU
Viele Betroffene konzentrieren sich zu stark auf den Reaktionstest. In vielen Fällen entscheidet sich die MPU aber vor allem im psychologischen Gespräch.
Dort geht es um drei Kernfragen:
Erstens: Warum kam es zu der Auffälligkeit?
Zweitens: Was hat sich seitdem konkret geändert?
Drittens: Warum ist künftig nicht mehr mit erneuten Auffälligkeiten zu rechnen?
Bei Alkohol geht es etwa um Trinkmuster, Kontrollverlust, Risikosituationen, Abstinenz oder kontrollierten Konsum. Bei Drogen und Cannabis geht es um Konsumgeschichte, Trennungsvermögen, Abstinenz, Rückfallprophylaxe und Fahrsicherheit. Bei Punkten und Straftaten stehen Einstellung, Impulskontrolle, Regelakzeptanz und konkrete Verhaltensänderung im Vordergrund.
8. Wichtiger Praxistipp: Gutachten zunächst an sich selbst schicken lassen
Betroffene sollten vor der MPU sorgfältig festlegen, wohin das Gutachten geschickt wird. Wir empfehlen ausschließlich und immer, das Gutachten zunächst nur an sich selbst senden zu lassen, weil bei einem negativen Gutachten die Vorlage bei der Behörde neue Tatsachen für die Nichteignung liefern kann.
Das ist in der anwaltlichen Praxis ein zentraler Punkt: Ein negatives Gutachten sollte nicht ungeprüft an die Fahrerlaubnisbehörde weitergeleitet werden.
9. Fazit
Die MPU besteht aus medizinischer Untersuchung, Leistungstest und psychologischem Gespräch. Der Leistungstest prüft vor allem Reaktion, Aufmerksamkeit, Konzentration, Belastbarkeit und Orientierung. In der Praxis können Testsysteme wie das Wiener Testsystem oder Corporal Plus eingesetzt werden.
Entscheidend ist jedoch nicht, einen Test „auswendig“ zu trainieren. Entscheidend ist eine echte, nachvollziehbare Vorbereitung auf die konkrete MPU-Fragestellung. Wer frühzeitig anwaltlich und verkehrspsychologisch klärt, was die Behörde genau wissen will, welche Nachweise erforderlich sind und welche Risiken im Einzelfall bestehen, verbessert seine Ausgangslage erheblich.
Dr. Herzog Rechtsanwälte beraten bundesweit in Fahrerlaubnissachen, MPU-Verfahren, Alkohol-, Drogen- und Cannabisfällen sowie bei drohendem Führerscheinentzug.

